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Interview mit Dr. Henrik Pontzen

Dr. Henrik Pontzen ist Leiter ESG bei Union Investment.

Seit acht Jahren sind Sie in leitender Position im Bereich Nachhaltigkeit bei der UI tätig. War Nachhaltigkeit im Asset Management ursprünglich eher ein Vertriebs- bzw. Produktlabel oder bereits Teil der Investmentsteuerung? Und was hat diese Logik verändert?

Die Grundzüge sind im Wesentlichen die gleichen geblieben. Union Investment hat mit nachhaltigen Investments begonnen, lange bevor das Thema überhaupt ein Label wurde. Bereits in den frühen 1990er Jahren haben wir für Kirchenbanken die ersten Nachhaltigkeitsfonds aufgelegt. Die Grundzüge haben sich kaum verändert, wir wollen das Geld unserer Anleger verantwortungsvoll anlegen und mehren. Wir tun das erstens, indem wir Unternehmen ausschließen, deren Geschäftsmodelle aus ethischen Gründen für uns nicht vertretbar sind, etwa weil geächtete Waffen produziert werden oder Kinderarbeit involviert ist. Wir tun das zweitens aber auch, indem wir uns die Zukunftsfähigkeit der jeweiligen Unternehmen anschauen.

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"Nachhaltigkeit ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein entscheidender Bestandteil zukunftsorientierter Geldanlage.“

Welche regulatorischen Impulse haben das Anlagengeschäft am stärksten verändert? (Klassifizierungen, Offenlegungspflichten, Nachhaltigkeitspräferenzen in der Beratung?)

Es gab in den vergangenen Jahren einen bunten Strauß an regulatorischen Initiativen, die unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten geprägt haben. 2014 startete die EU mit dem Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. 2018 folgte die Offenlegungsverordnung (SFDR) für mehr Transparenz bei Nachhaltigkeitsrisiken. 2021 trat die EU-Taxonomie in Kraft, die nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten definiert. In Deutschland ergänzte das CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz ab 2017 die Berichtspflichten großer Unternehmen. Insgesamt führte die Regulierung zu mehr Standardisierung, Transparenz und Integration von ESG-Kriterien im Investmentprozess, auch wenn sie für uns als nachhaltigen Investor vieles komplizierter macht und unsere Kunden ebenso wie auch manche Fachleute zuweilen die Übersicht verlieren können.

Wie ist ESG heute im Investmentprozess verankert? Ist Nachhaltigkeit integraler Bestandteil des Risikomanagements oder ein zusätzlicher Filter?

Nachhaltigkeit ist für uns ein essenzieller Baustein im Risikomanagement und aus unseren Investmentprozessen nicht wegzudenken. Unter ESG-Integration verstehen wir die gezielte Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsfaktoren und Chancen einerseits und von Nachhaltigkeitsrisiken und möglichen nachteiligen Auswirkungen auf diese Nachhaltigkeitsfaktoren andererseits in allen Schritten des Investmentprozesses. Hierfür arbeiten die Spezialisten aus Portfoliomanagement und ESG-Team eng zusammen, analysieren die finanziellen Auswirkungen von ESG-Aspekten und sorgen so für fundierte Investmententscheidungen. Denn Unternehmen, die ihre Umsätze nicht nachhaltig erwirtschaften, sind für uns als langfristig orientierter Investor grundsätzlich nicht interessant. Nachhaltigkeit ist Zukunftsfähigkeit, und wir investieren ausschließlich in zukunftsfähige Unternehmen. Alles andere würde bedeuten, dass wir Risiken eingehen, die mit unserer treuhänderischen Pflicht nicht vereinbar wären.

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"Wer ESG-Kriterien berücksichtigt, erkennt Chancen und Risiken frühzeitig - und stärkt damit die langfristige Qualität von Investmententscheidungen.“

Wie gehen Sie mit Zielkonflikten um, etwa zwischen Renditeerwartung, Benchmark-Orientierung und Nachhaltigkeitskriterien?

Prinzipiell sehen wir nicht, dass die Renditeerwartung der Anleger mit unseren nachhaltigen Investments nicht vereinbar wäre. Nachhaltigkeit ist ein Marathon, kein Sprint. Es wird immer wieder Marktphasen geben, in denen weniger nachhaltige Geschäftsmodelle an der Börse zwischenzeitlich die Nase vorne haben. Langfristig aber sind wir davon überzeugt, dass nachhaltiges Investieren für unsere Anleger keinerlei Nachteile in der Wertentwicklung mit sich bringt und unter Aspekten des Risikomanagements sogar ein Vorteil sein kann.

Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen? Datenqualität, Methodik, Greenwashing-Risiken, Akzeptanz oder regulatorische Komplexität?

Die regulatorische Komplexität ist sicherlich gerade mit Blick auf die Produktlabels ein Thema, das uns das Leben immer mal wieder schwer macht. Allerdings sehen wir hier inzwischen erste Schritte, mehr Übersicht zu schaffen. Auch die Datenqualität wird immer besser, unter anderem weil die Unternehmen mittlerweile durch die Gesetzgeber dazu angehalten sind, im Nachhaltigkeitsreporting die zentralen Kennziffern vorzuhalten. Beim Thema Greenwashing sind wir ziemlich gelassen. Wir haben viele Jahrzehnte Erfahrung mit nachhaltigem Investieren und eines der größten und fähigsten Teams in Deutschland, das ist für uns weit mehr keine Marketing-Mode, sondern Teil unserer DNA. Das Team gibt uns die Möglichkeit, den Unternehmen genau auf den Zahn zu fühlen und zu schauen, wer es ernst nimmt mit seinen Nachhaltigkeitsvorhaben und wer nicht.

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„Nachhaltigkeit ist ein Marathon, kein Sprint: Entscheidend sind Erfahrung, belastbare Daten und glaubwürdiges Handeln.“

Wo sehen Sie konkret Chancen oder Mehrwerte, die durch die stärkere regulatorische Einbindung von ESG entstanden sind?

Die regulatorische Einbindung verpflichtet die Unternehmen und Investoren zu etwas, was sie vernünftigerweise ohnehin tun sollten. Wir sehen ja bereits jetzt eine deutliche Zunahme an Extremwetterlagen, wir sehen Waldbrände, Dürren und Überschwemmungen in immer schnellerem Wechsel. Das belastet die Menschen vor Ort ebenso wie die Unternehmen, deren Produktionsstandorte von heute auf morgen in Gefahr geraten. Und da es eine Binsenweisheit ist, dass Prophylaxe immer günstiger ist als die Schadensbeseitigung werden sich nachhaltige Lösungen durchsetzen – und das mit regulatorischem Rückenwind.

Strategischer Blick nach vorne: Bleibt nachhaltige Geldanlage primär regulatorisch getrieben oder entwickelt sie sich zu einem eigenständigen Qualitäts- und Wettbewerbsmerkmal im Investmentprozess?

Nach unserem Verständnis war Nachhaltigkeit nie ein regulatorisch getriebenes Thema. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir mit unseren ersten ESG-Fonds schon am Markt waren, bevor die Gesetzgeber das Thema aufgegriffen haben. Ich glaube vielmehr, dass Qualität und Glaubwürdigkeit als Differenzierungsfaktoren im Wettbewerb an Relevanz gewinnen. Gleichzeitig werden Investoren kaum umhinkommen, nachhaltig zu investieren. Die Elektrifizierung, die Energiewende und die Abkehr von fossilen Treibstoffen im Transportsektor weisen den Weg in diese Richtung. Als nachhaltiger Investor setzen wir uns im Wettbewerb ab, weil wir mit viel Erfahrung und einem der größten Nachhaltigkeitsteams in Deutschland die Unternehmen identifizieren können, die sich in dieser neuen Welt am besten behaupten können.