1. Liebe Sarah, du bist seit letztem Jahr bei Atruvia, erzähl uns doch mal von deinem Werdegang.
Ich bin seit Juli letzten Jahres bei Atruvia – und habe damit ganz bewusst den Schritt in ein Umfeld gemacht, in dem Nachhaltigkeit strategisch ernst genommen wird und echte Wirkung entfalten kann.
Davor war ich rund fünf Jahre in der Strategieberatung bei Bain & Company und später bei BCG (Boston Consulting Group) auf europäischer Ebene tätig, vor allem für DAX‑Konzerne und deren Managementebenen. Dort habe ich mich intensiv mit Transformationsprogrammen beschäftigt. Mein persönliches Steckenpferd war schon damals, den positiven Business Case hinter Nachhaltigkeit sichtbar zu machen – also die Frage, wie ESG langfristig Wert schafft: Mit primären Effekten wie Kosten- und Risikooptimierung und sekundären Effekten wie Reputation, Innovation und Marktzugang. Diesen positiven Case gibt es für ~80% aller Unternehmen schon heute – man muss ihn nur finden.
Vor meiner Zeit in der Beratung habe ich acht Jahre in einem internationalen Handelshaus gearbeitet, zuletzt als Leiterin der Neugeschäftsentwicklung. Dort wurde mir bewusst, dass ich meine Arbeitskraft auf eines der großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit ausrichtigen möchte – nachhaltiges Wirtschaften. Daher wagte ich noch einmal einen kompletten Neuanfang und absolvierte meinen MBA in Barcelona an der ESADE, inklusive eines inspirierenden Austauschprogramms in Berkeley, bevor es mich dann in die Strategieberatung gezogen hat.
Vor knapp zwei Jahren bin ich Mutter geworden – ein Moment, der für mich persönlich viel verändert hat. Ich wollte weiterhin strategisch arbeiten, aber in einem Umfeld, das Purpose, Stabilität und Gestaltungsspielraum verbindet. Genau das habe ich bei Atruvia gefunden.
Mein Weg war immer von Neugier, Struktur und dem Wunsch geprägt, nachhaltige Transformation nicht nur zu gestalten, sondern wirtschaftlich greifbar zu machen. Und genau das mache ich heute bei Atruvia – im besten Team, mit großem Herzen für das Thema.
2. Du bist Head of Sustainability bei Atruvia, dem Digitalisierungspartner der Volks- und Raiffeisenbanken. Was sind hier deine Aufgaben?
Als Head of Sustainability bei Atruvia verantworte ich gemeinsam mit meinem großartigen Team die ganzheitliche Steuerung und strategische Ausrichtung von Nachhaltigkeit in unserem Unternehmen. Nachhaltigkeit ist eines von vier zentralen Unternehmenszielen bei Atruvia und fest in unserer Strategie verankert.
Wir agieren als strategische Klammer über das gesamte Unternehmen hinweg:
In unserem Hub-and-Spoke-Modell arbeiten wir eng mit den Fachexpertinnen und -experten zusammen, um gezielt Initiativen voranzutreiben – von klimarelevanten Maßnahmen über Governance-Themen bis hin zu sozialen Aspekten. In Summe arbeiten inzwischen über 40 Kolleginnen und Kollegen bei Atruvia an nachhaltigkeitsbezogenen Themen.
Unser Denken folgt dabei einem klaren Dreiklang:
a) Nachhaltige Atruvia – wir machen unseren eigenen Betrieb Schritt für Schritt nachhaltiger.
b) Nachhaltiges Banking – aktuell haben wir bereits rund 16 Produkte mit klarem Nachhaltigkeitsbezug im Portfolio, die wir entlang unserer Roadmap kontinuierlich weiterentwickeln.
c) Nachhaltiger Konzern – wir starten in diesem Jahr die ersten konzernweiten Projekte zu gemeinsamer Nachhaltigkeitsberichtserstattung und wollen auch die Verankerung von konzernweiten Nachhaltigkeitszielen diskutieren.
Organisatorisch ist mein Team innerhalb des Bereichs Corporate Strategy and Communication unter Mathias Traue und Vorstand Ulrich Coenen aufgehangen – als ein wesentlicher Bestandteil der Unternehmensstrategie, nah an den Entscheidungen und mit viel Gestaltungsspielraum.
3. Wie können digitale Lösungen Banken konkret helfen, nachhaltiger zu werden? Wieso braucht ein Digitalisierungspartner der Banken eine eigene ESG-Software?
Digitale Lösungen sind heute ein zentraler Hebel, um Banken auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit wirksam zu unterstützen. Als Digitalisierungspartner der Volks- und Raiffeisenbanken entwickeln wir bei Atruvia deshalb ein umfassendes ESG‑Lösungsangebot – weil wir sehen, dass Banken vor komplexen regulatorischen, organisatorischen und geschäftlichen Herausforderungen stehen, die ohne digitale Unterstützung kaum zu bewältigen sind.
Wir verfolgen dabei einen klaren Plan, wie digitale Lösungen Banken helfen können:
a) Regulatorik erfüllen und Berichterstattung ermöglichen:
Nachhaltigkeitsregulierung ist dynamisch, umfangreich und für Banken hochrelevant. ESG-Daten müssen erhoben, geprüft, verarbeitet und anschließend berichtet werden. Unsere Software hilft, diese Anforderungen effizient und prüfbar umzusetzen und schafft damit Entlastung für Institute, die sonst enorme manuelle Aufwände hätten.
b) Den Nachhaltigkeits‑Reifegrad gezielt weiterentwickeln:
Im nächsten Schritt geht es nicht nur darum, Pflichten zu erfüllen, sondern besser zu werden. Digitale Lösungen helfen, Transparenz zu schaffen, Prozesse zu standardisieren, und datenbasiert Entscheidungen zu treffen. So können Banken ihren eigenen Footprint reduzieren, ihre Steuerung professionalisieren und klare Fortschritte nachweisen.
c) Neue Kunden und Märkte erschließen:
Nachhaltigkeit ist längst auch ein Wachstumsfeld. Mit den richtigen Daten und Tools können Banken neue Vertriebsansätze entwickeln – von nachhaltigen Produkten über Beratungstools bis hin zu Angeboten, zum Beispiel speziell für junge, nachhaltigkeitsaffine Kundengruppen. ESG‑Daten werden so zur Grundlage für Kundendialoge, Differenzierung und Kundennähe.
Diese drei Schritte laufen parallel, auch wenn der größte Fokus heute aufgrund der volatilen Rechtsprechung noch auf der Erfüllung der Regulatorik liegt. Daher investieren wir frühzeitig in die Weiterentwicklung des Lösungsangebots, damit Banken auch die nächsten Stufen der Transformation gehen können.
Kurz gesagt: Eine eigene ESG‑Software ist längst ein strategischer Baustein für Banken geworden – damit sie Pflichten erfüllen, Chancen nutzen und Zukunft gestalten können.
4. Spürst du, dass Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung inzwischen „mitgedacht“ wird oder ist es noch ein Zusatzthema? Ist Nachhaltigkeit „nur“ Regulatorik für die Banken?
Nachhaltigkeit ist kein reines Regulierungsthema mehr – und das spüren wir zunehmend auch in der Softwareentwicklung.
Zwar ist Regulatorik ein wichtiger Treiber, aber viele große genossenschaftliche Banken nutzen Nachhaltigkeit inzwischen ganz bewusst zur Positionierung und im Bereich Risikomanagement. Sie stärken ihren Umweltfokus, investieren in entsprechende Produkte und sehen ESG als Teil ihres Markenversprechens.
Gleichzeitig gibt es Institute, die noch am Anfang stehen. Aber gerade das Geschäftsmodell der Volks- und Raiffeisenbanken – regional verwurzelt, nah an den Menschen, stark in der Gemeinschaft – bietet beste Voraussetzungen, Nachhaltigkeit glaubwürdig zu leben. Der genossenschaftliche Gedanke passt sehr gut zu nachhaltigem Wirtschaften.
Was wir allerdings deutlich sehen: Datenmanagement ist häufig noch ausbaufähig. Ohne saubere, verlässliche und verknüpfbare ESG‑Daten lassen sich weder regulatorische Anforderungen erfüllen noch neue nachhaltige Angebote entwickeln. Genau hier setzt moderne Softwareentwicklung zunehmend an und denkt Nachhaltigkeit systematisch mit.
Nachhaltigkeit ist für Banken keine Pflichtübung mehr – sondern ein strategischer Hebel. Und in der Softwareentwicklung ist es vom „Zusatzthema“ längst zum festen Bestandteil guter Produktentwicklung geworden, insbesondere mit Blick auf Themen wie Barrierefreiheit.
5. Braucht es aus deiner Sicht besondere Kompetenzen, um als Frau in einem technisch geprägten Umfeld Wirkung zu entfalten?
Was hilft, sind aus meiner Sicht Skills, die für alle Querschnittsthemen wie Nachhaltigkeit hilfreich sind: Empathie bei dem Management diverser Stakeholder, klare Kommunikation und eine strukturierte Organisation.
Auch vorausschauendes, analytisches Denken ist hilfreich – gerade, wenn es darum geht, den Mehrwert von Nachhaltigkeit zu quantifizieren und sichtbar zu machen. Und natürlich: Leidenschaft fürs Thema. Wer eine Passion hat, kann andere mitnehmen und gemeinsam viel bewegen.
Was ich bei Atruvia besonders schätze und warum ich damals aus der Strategieberatung zu Atruvia gewechselt bin: Nachhaltigkeit wird hier wirklich ernst genommen. Es ist Teil der Unternehmensstrategie, vom Vorstand getragen und von vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen gelebt. Ein Beispiel dafür ist das Thema Diversity: Wir haben eine Diversity Managerin, die dafür sorgt, Vielfalt ganzheitlich zu denken; wir haben eine Mitgliedschaft in der Initiative #shetransformsIT, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Sichtbarkeit von Frauen in der Wirtschaft zu fördern; und wir haben ein internes Diversity-Netzwerk, das sich unter andere für mehr Frauen in Führung stark macht.
Wirkung entsteht durch Qualität, Leidenschaft und ein unterstützendes Umfeld – unabhängig vom Geschlecht.
6. Wieso haben die Sichtbarkeit von Frauen und Nachhaltigkeit für dich gewisse Parallelen?
Die Parallelen zwischen der Sichtbarkeit von Frauen und Nachhaltigkeit sind erstaunlich groß.
In beiden Bereichen entsteht Wirkung oft dann, wenn Menschen sich vernetzen, austauschen und sichtbar werden. Genau das erlebe ich aktuell im genossenschaftlichen Finanzverbund, zum Beispiel bei Veranstaltungen wie dem Treffpunkt Nachhaltigkeit in Düsseldorf: Sobald wir in den fachlichen Austausch gehen – über Reporting, Treibhausgasstrategien und Best Practises – entsteht ein großartiges Wir-Gefühl und der Drive, etwas zu verändern.
Ähnlich ist es bei Frauen: Vernetzung und gegenseitige Sichtbarkeit sind echte Hebel, um Ergebnisse zu erzielen, Themen voranzutreiben und auch weibliche Nachwuchstalente zu motivieren. Im Nachhaltigkeitsumfeld funktioniert das besonders gut, weil hier ein starkes Gemeinschaftsdenken herrscht – wenig Wettbewerb, viel Miteinander. Beispielsweise tausche ich mich regelmäßig sehr partnerschaftlich und konstruktiv mit der Nachhaltigkeitsverantwortlichen unseres direkten Wettbewerbers, der FinanzInformatik, aus.
Kurz gesagt - sowohl bei Frauen als auch bei Nachhaltigkeit gilt: Wenn wir uns sichtbar machen und vernetzen, entsteht Energie, Wirkung und gemeinsamer Fortschritt.
Das Interview führte Katrin Schildhorn, Nachhaltigkeitsmanagerin bei VR Bank RheinAhrEifel.