Katharina Thomas, Vorständin Schwäbisch Hall
1. Seit 2023 sind Sie Generalbevollmächtige bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall, seit April 2025 Mitglied im Vorstand. Was sind Ihre Hauptaufgaben und was hat sich seit der Berufung in den Vorstand verändert?
Seit meinem Start bei Schwäbisch Hall verantworte ich die Ressorts Risikocontrolling, Unternehmenssicherheit und Datenschutz – im April 2025 kamen zusätzlich dann noch die Bereiche Kreditmarktfolge und Konzernrecht dazu. Tatsächlich hat sich seit meiner Berufung in den Vorstand gar nicht so viel verändert – die größte Umstellung kam für mich eigentlich schon vor fast zwei Jahren, als ich bei der Bausparkasse als Generalbevollmächtigte angefangen habe. Während ich bei der R+V zuvor für das Gesamtrisikomanagement und somit für einen bestimmten Bereich zuständig war, ging es bei Schwäbisch Hall darum, das gesamte Unternehmen mit allen Facetten im Blick zu haben. Diese unternehmensübergreifende Gestaltung und Zusammenarbeit machen mir großen Spaß
2. Sie haben Mathematik an der Universität Mainz studiert und arbeiten bereits seit dem Abschluss des Studiums in der Genossenschaftlichen FinanzGruppe. War die Ausbildung eine gute Grundlage für Ihre heutige Tätigkeit?
Es hat sicherlich nicht geschadet. Dieser Ausbildungshintergrund hilft mir sehr, denn die Bausparkasse Schwäbisch Hall ist nicht nur eine klassische Bausparkasse. Sie bietet auch klassische Baufinanzierungen an, und sie hat sich in den vergangenen Jahren als Pfandbriefbank etabliert. Das macht unser Geschäftsmodell sehr komplex und von vielen Marktfaktoren abhängig und in der Steuerung herausfordernd. Deshalb muss man viele Szenarien durchdenken und Risiken modellieren können. Und genau dabei ist es von Vorteil, wenn man sich gerne mit unterschiedlichsten Zahlenwerken auseinandersetzt.
3. Schwäbisch Hall gibt es bereits seit 1931, hat über 6 Millionen Kunden und Kundinnen in Deutschland und ist die größte Bausparkasse (nach Marktanteil). Was macht das Unternehmen für Sie so attraktiv?
Mich persönlich – und sicherlich auch viele andere Kolleginnen und Kollegen – überzeugt die Bausparkasse neben ihrer breiten Produktpalette, vor allem durch die besondere Unternehmenskultur und die gelebten genossenschaftlichen Werte. Die Bausparkasse ist für viele weit mehr als ein Arbeitsplatz. Unsere Mitarbeitenden identifizieren sich stark mit der Marke Schwäbisch Hall und tragen diese Begeisterung als aktive Markenbotschafter nach außen. Die Bausparkasse ist nicht nur der größte Arbeitgeber der Region und für ihr regionales Engagement bekannt, sondern wird von vielen tatsächlich als Familienunternehmen erlebt. Die lange Verbundenheit vieler Mitarbeitenden – zum Teil über drei Generationen hinweg – sowie die hohe durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von 18,5 Jahren zeigen deutlich: Menschen fühlen sich hier wohl, finden langfristig ihre berufliche Heimat und bauen gemeinsam an der Zukunft unseres Unternehmens.
4. Welche Herausforderungen und (Wachstums-)Chancen sehen Sie im Bereich Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist heute mit hohen Erwartungen an Transparenz verbunden – gleichzeitig eröffnet uns der Bereich Wachstumschancen. Das gilt sowohl im Bereich der Pfandbrief-Refinanzierung als auch in unserem Kerngeschäft, der Finanzierung von Wohnimmobilien und energetischen Sanierungen. Bisher haben wir drei Grüne Pfandbriefe emittiert und erfolgreich am Kapitalmarkt platziert – sie stärken nicht nur unsere Refinanzierung, sondern tragen auch entscheidend dazu bei, den CO₂-Fußabdruck unseres Kreditportfolios zu reduzieren – ein zentraler Baustein unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Zudem haben wir in diesem Jahr erstmals nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) berichtet – obwohl wir dazu erst ab 2026 verpflichtet wären. Damit erhalten potenzielle Investoren einen klaren Einblick in unsere Nachhaltigkeitsambitionen, was ihre Investitionsentscheidungen positiv beeinflussen kann. Auch mit Blick auf unser operatives Geschäft und den Vertrieb eröffnet uns Nachhaltigkeit große Chancen. Energetische Sanierungen sind ein stark wachsendes Marktsegment. Deshalb haben wir bereits mehr als 2.000 Kolleginnen und Kollegen im Außendienst zu Modernisierungsberatern ausgebildet. Auch unsere Produktpalette unterstützt unser nachhaltiges Handeln: Im Bausparen bietet die Tarifvariante FuchsEco besondere Konditionen an und auch in der Baufinanzierung profitieren Kundinnen und Kunden von Zinsvorteilen für energieeffiziente Immobilien und energetische Sanierungen.
5. Mit Blick auf die gewachsenen Anforderungen heutzutage: Sehen Sie ein Spannungsverhältnis zwischen den traditionellen genossenschaftlichen Werten und modernen Ansprüchen wie Flexibilität, Digitalisierung/Künstlicher Intelligenz oder dem Wandel im Marktumfeld?
Im Gegenteil. Neue Technologien und flexible Arbeitsformen unterstützen uns dabei, auch in den nächsten Jahren stabil, zukunftsfähig und nachhaltig zu wirtschaften. Mit Blick auf das sich wandelnde Marktumfeld bedeutet das allerdings auch: Wir dürfen uns nicht nur auf ein Standbein verlassen. Wir müssen uns in allen Dimensionen diverser aufstellen – sowohl bei unseren Produkten als auch bei den Refinanzierungsquellen – und uns vom reinen Produktanbieter hin zum Lösungsanbieter entwickeln. Nur so können wir externen Einflüssen wie der Zinsvolatilität wirksam begegnen. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt grundlegend: Sie wird mobiler, agiler und effizienter. Die zunehmende Komplexität und das hohe Tempo der Digitalisierung erfordern Anpassungsfähigkeit und Transformationsbereitschaft – gerade hier wird werte- und teamorientierte Führung immer wichtiger.
6. Das ist ein gutes Stichwort: Was bedeutet für Sie teamorientierte, moderne Führung?
Wir haben bei Schwäbisch Hall klare Führungsprinzipien definiert – Augenhöhe, offene Kommunikation, Transparenz, Ergebnisorientierung und Verantwortung, ergänzt durch klare Dos and Don’ts. Wir messen uns und unsere Führungskräfte regelmäßig daran und geben uns gegenseitig „Feedforward“. All das passt auch zu unseren genossenschaftlichen Werten: Solidarität, Transparenz und Partnerschaftlichkeit entstehen durch Klarheit und Verlässlichkeit im Miteinander. In meinen Augen führen wir unser Unternehmen heute dann gut und erfolgreich, wenn wir Mitarbeitenden Orientierung und Verantwortung geben, Entscheidungen im Team unter Berücksichtigung aller Perspektiven treffen, transparent kommunizieren – und gleichzeitig Raum für offenen Dialog auf Augenhöhe schaffen.
7. Mit einem Altersdurchschnitt von 46 und einer paritätischen Besetzung (zwei Männer und zwei Frauen) sind Sie Teil eines sehr jungen, diversen Vorstandsteams: Wie erleben Sie den Generationswechsel?
Den Generationswechsel in den Führungsetagen erlebe ich – neben vielen anderen geopolitischen, makroökonomischen und operativen Herausforderungen – tatsächlich als eine der brennendsten Aufgaben in unserer Branche. Gute Führungskräfte zu finden, ist anspruchsvoll: Entscheidend sind nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch das passende Mindset und – gerade bei uns – eine klare genossenschaftliche Werteorientierung. Neue Führungskräfte müssen unsere Unternehmenskultur verstehen – wie wir arbeiten, entscheiden und wo wir hinwollen. Dieser Prozess ist oft komplexer, als es nach außen scheint. Deshalb setzen wir auf eine systematische, vorausschauende Nachfolgeplanung, die zu unserem nachhaltig ausgerichteten Geschäftsmodell passt. Alter ist für uns dabei kein Auswahlkriterium. Stattdessen legen wir Wert auf die Hintergründe und Qualifikationen von Personen. Unser Ziel ist es, ein vielfältiges Team zusammenzustellen. Diese Vielfalt führt zu konstruktiven und oft lebhaften Diskussionen, da jede und jeder eine eigene Perspektive einbringt. Wir empfinden diese Vielfalt als Bereicherung: Mehr Perspektiven, weniger blinde Flecken und damit bessere Entscheidungen.
8. Der Teamgedanke spielt auch bei einem Ihrer privaten Hobbies, dem Volleyball, eine unverzichtbare Rolle: Wie nutzen Sie Ihre sportlichen Erfahrungen für Ihren beruflichen Alltag?
Wenn es bei einem Spiel mal nicht läuft, sucht man die Schuld nicht bei den anderen. Man schaut als Erstes auf sich und fragt sich selbst: Was kann ich auf meiner Position besser machen? Diese Einstellung finde ich auch im beruflichen Kontext nicht verkehrt. Und entscheidend in beiden Welten: Jede und jeder in der Mannschaft hat besondere eigene Stärken, die das Team am Ende gemeinsam erfolgreich machen.
9. Wie steht es um die Förderung von Frauen und Familie bei Schwäbisch Hall? Wie bekommen Sie selbst – als Mutter von zwei Kindern – das Thema Beruf und Familie unter einen Hut?
Wir setzen konsequent auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie auf Diversität. Rund 56 Prozent unserer Mitarbeitenden sind Frauen, und Teilzeitmodelle sind breit verankert – auch in Führungspositionen, etwa durch geteilte Team- oder Abteilungsleitungen. Vielfalt und familienfreundliche Modelle sind für uns zentraler Bestandteil unserer Unternehmens- und Wertekultur. Angebote wie unsere eigene Kindertagesstätte oder flexible Homeoffice-Optionen helfen, Mitarbeitende zu gewinnen, langfristig zu halten und zu motivieren. Als Mutter von zwei Kindern erlebe ich persönlich, wie wichtig verlässliche Strukturen sind. Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, gelingt nur, wenn das Unternehmen flexible Modelle bietet und eine Kultur lebt, die Familie wertschätzt.
Das Interview führten Ann-Helen Rösler, Referentin Unternehmenskommunikation bei Schwäbisch Hall und Katrin Schildhorn, Nachhaltigkeitsmanagerin bei der VR Bank RheinAhrEifel eG.